Diary Social Media

Targeting im Social Web

By on Mai 10, 2012

Betrachtungen eines Social Media Lovers

Weiß das Netz wirklich im Voraus, wie wir entscheiden werden, bevor wir uns selbst entschieden haben? Wir kaufen Long-Tail-Produkte, die uns Amazon.com vorschlägt, hören Musik, zu denen uns PING rät und wir folgen Menschen, die wir eigentlich gar nicht kennen, nur weil Twitter denkt, dass diese Unbekannten zu uns passen. Wir hören also weit und sehen fern mit Hilfe des Netzes oder ist dies evtl. nur der Anfang einer Zukunft die ohne uns auskommt?

Alle iRobot-Szenarien der Schirrmacher dieser Welt kann ich nicht nachvollziehen. In allen Szenarien der Ich-Erschöpfung und der Algorithmus- bzw. Maschinen-Übernahme der Menschheit fehlt eine wichtiger Aspekt, der den Mensch erst zur Schöpfungskrone macht und dies ist die Emotion und die Exzentrizität eben dieses Primaten.

Kein noch so ausgeklügeltes Skynet der Zukunft kann die Irrationalität des Menschen vorhersehen. Dies ist das alte Paradoxon zwischen Natur- und Humanwissenschaften. Die eine sieht das Gesetzt als Beweis und die andere erklärt nur durch die Gesetzmäßigkeit, stellt also eine Vermutung an. Und eben diese Gesetzmäßigkeit macht uns unberechenbar und damit frei.

Und genau aus diesem Grund muss man fragen mit welchem Recht teilt uns eine milliardenschwere Weberindustrie in Peer-Groups und Sinus-Milieus ein. Man fühlt sich hier oft an Elias Cannetti und seinen Roman “Die gerettete Zunge” erinnert. Hat diese Wirtschaft denn gar nichts aus der Massenphilosophie der Vergangenheit gelernt und die Postmoderne verschlafen?

Natürlich ist die Werbung, auch im Netz legitim, aber im Grunde doch nur ungenau und damit oft nervend. Diese Aussage belegt auch die aktuelle Studie des Marktforschungsinstituts Comscore – demnach werden 72 Prozent aller Online-Werbekampagnen in den Staaten falsch platziert und laufen so oft an der relevanten Zielgruppe ungesehen vorbei. Und dies im Land der Online-Marketing-Profis. In Deutschland sind es da dann sicher provokative 85 Prozent? Ach, mach nur Spaß!

Warum also muss ich, liebe Werbewirtschaft, hunderte Produkt-Platzierungen ertragen, von denen mich lediglich zwei bis vier Dinge wahrlich betreffen bzw. interessieren? Im Zeitalter des interaktiven Webs, welches die Radiotheorie von Brecht endlich verwirklichte, ist doch eine derartige Verfehlung des Targetings nur noch tragisch, wenn nicht gar der Offenbarungseid einer verstaubten Paid-Media-Branche, die den Anschluss ins Social Web schon längst verpasst hat?

Für ein passendes Targeting muss die Teilöffentlichkeit eben, so heißt es dann, einen Teil der Privatheit aufgeben, ja opfern. Dann reicht nicht mehr die Telefonnummer und das Geburtsdatum, das Geschlecht und die Religion, sondern es bedarf mehr und zwar: Private Soft-Skills, Hobbys, Interessen, Reise- und Buchwünsche, eBay-Einkäufe und natürlich statt “Last-Cookie” lieber Facebook-Login und Twitter-Anmeldung. Ja, die altbewerte und so oft sich selbst beschämende “Neztreklame” muss umdenken und dies im Zeitalter des Social Webs wirklich gründlich.

Spätestens jetzt rauft sich jeder deutsche Datenschützer verzweifelt die bundesrepublikanischen Haare und sieht den gläsernen Konsumenten als kaufträchtige Persona aus der grauen Masse der Werberelevanz steigen – es wird ihm (dem Datenschützer) wohl schlecht und er verschwindet unter lauten Schimpfen auf die nächste Toilette. Armer deutscher Datenschützer!

Ich sehe dies anders. Ich lebe eigentlich den dritten Weg und sehe mich als Teil der “Public Parts”. Jeff Jarvis meint dazu “Ich schätze die Privatsphäre und bin dafür, dass man diese schützt”. Zudem schrieb er, dass Öffentlichkeit und Privatsphäre sich immer gegenseitig bedingen. Fast marxistisch spricht er hier vom Kampf und der Einheit der Gegensätze und meint, dass sich Privates und Öffentlichkeit gegenseitig definieren und nicht ausschließen – ganz im Gegenteil. Wird das eine kleiner, wächst das andere.

Angesichts dieser Definitionswucht von Jarvis ist es klar: Privatsphäre und Öffentlichkeit müssen im Social Web neu definiert werden und zwar nicht in Peer-Groups oder Sinus-Milieus, sondern über individuelles Targeting.

Diesem Definitionsproblem versucht sich eine Teilwissenschaft der Anthropologie anzunehmen – die sog. Cyber-Anthropologie. Nach dieser Forschungsrichtung tun wir als Mensch viele Dinge im Privaten, über die wir nie reden würden. In der Online-Welt verflüchtigt sich aber diese “Hemmung” und wir nehmen unseren Ängsten den Schmerz – d.h. die Peinlichkeit. Ferner teilt der Mensch, seit der Gutenberg-Galaxis und noch verstärkt in der Google-Galaxis, immer mehr über Schrift- und weniger gesprochene Informationen. Diese Informationen werden meist aus der aktuellen Umwelt entlehnt bzw. herausgelöst. Für uns ist dies natürlich ein zweischneidiges Schwert.

Dabei bringt das Social Web bekanntlich Vor- und Nachteile.

Die Cyber-Anthropologie sieht dies so: “Gut ist, dass die Geschwindigkeit der Kommunikation zunimmt, schlecht dagegen ist die Tatsache, dass der Sender sich der Wirkungsweise von derart schnell geteilten Information nicht bewusst wird.”

Nach Amber Case ist daher Privatsphäre im Social Web die Fähigkeit persönliche Daten nachhaltig zu kontrollieren. Daher müssen wir lernen wie man Kommunikation im digitalen Raum führt und die Möglichkeiten der neuen Informationsarchitektur-Theorien nutzen. Was daraus entsteht, ist ein neuer Verhaltenskodex, der sich soziokulturell definieren wird.

Bedeutet daher ein Verlsut an Privatheit nicht auch ein Verlust an Kontrolle? Eine schwierige Frage, da dieser Punkt bis heute nicht gänzlich geklärt bzw. erklärt ist. Aber lassen Sie mich mit den Worten von Amber Case antworten: “Es gibt Dinge, die machen wir hinter verschlossenen Türen, andere finden den Weg nach draußen. Es ist bis heute nicht klar, wie wir online damit umgehen sollen, können oder müssen. Denn es hängt auch von den Milieus ab, in denen wir uns bewegen. Sind es Gruppen, für die es okay ist, ihr Privates nach außen zu kehren, oder eher konservative Gruppen? Letztlich ist es bloß eine Frage der Identitätsformung, nur in einer anderen Umgebung. Verstehen, wie diese Umgebung funktioniert, ist dies die beste Strategie, sich gegen einen Verlust an Privatsphäre und damit an Kontrolle zu schützen.”

Was ich dazu denke? Es ist schwierig, da wir einfach nicht in die Zukunft blicken können. Folgen sind zwar abschätzbar, doch was mag mit meinen preisgegebenen Informationen in fünf Jahren passieren, wenn neue Algorithmen vermögen, neue Kombinationen aus dem handlungsrelevanten Wissen zu ziehen? Die Technologie verstärken dabei unser Menschsein (mit allen Vor- und Nachteilen). Durch das Social Web erhalten wir den Zugang zu einem riesigen und mannigfaltigen Speicher an Gefühlen, Gedanken und gemeinsamen Ideen. Was die industrielle Revolution trennte, wird die digitale Revolution durch Skype, Facetime und Co. wieder vereinen und so unser Nervensystem über digitale Synapsen erweitern.

TAGS
RELATED POSTS

LEAVE A COMMENT

MICHAEL MANGER
Mangonia, HE

Hello my name is Michael and this is my Journey! I use this blog theme to tell people my story. Through all the places and things I see around the world, there isn't a best way to share my experience! Follow my updates and discover with me the essence of American way of life!

Finden
Periscope
Instagram
  • Instagram-Bild
  • Instagram-Bild
  • Instagram-Bild
  • Instagram-Bild
  • Instagram-Bild
  • Instagram-Bild

Follow Me!

Snapchat
Tweets